Was passiert, wenn kĂŒnstliche Intelligenz, Algorithmen und neue Technologien nicht mehr nur einfache Werkzeuge sind, sondern zu aktiven Akteuren in kreativen Prozessen werden? Diesem fesselnden Thema widmete sich das Istituto Marangoni Milano im Rahmen des Innovation Culture Symposiums âą Discussing New Paradigms in Fashion auf dem Campus im Palazzo Turati. Im Rahmen der Veranstaltung fanden drei Podiumsdiskussionen statt, bei denen FakultĂ€tsmitglieder, ForscherInnen, Experten fĂŒr Mode und Luxus sowie hochrangige GĂ€ste aus der Branche in einen Austausch zur Zukunft der KreativitĂ€t und zu den neuen Paradigmen traten, die die Welt der Mode tiefgreifend verĂ€ndern â von der kreativen Leitung und intelligenten Textilien bis hin zu digitalen Plattformen und neuen Verbrauchergruppen.
Zur weiteren Erörterung der technologischen Innovationen fand im Rahmen des Symposiums eine offene Diskussionsrunde statt. Dabei wurde sowohl ĂŒber Grenzen und WidersprĂŒche als auch ĂŒber die vielfĂ€ltigen Möglichkeiten gesprochen, um zu verstehen, wie sich die Sprache der Mode durch die Technologie verĂ€ndert und wie sich die Branche an diesen Wandel anpassen kann.
Luxus im Zeitalter der Algorithmen
Das erste Panel diskutierte ĂŒber eines der dringendsten Themen in der Welt der Mode: die Auswirkungen der kĂŒnstlichen Intelligenz auf die kulturellen und wirtschaftlichen Grundlagen der Luxusbranche. Zu den Teilnehmenden zĂ€hlten Marta Martina, IM-Dozentin, Mode- und Medienforscherin und Journalistin, Simona Murialdo SĂ nchez, Art Director & IM Milano Fashion Styling Course Leader, und Rita Laino, Global Human Resources Director bei Valextra. Moderiert wurde das Panel von Carlotta Sadino, IM Creative Masters Programme Leader.
Seit Jahrzehnten lebt die Mode von einer starken Urheberschaft, ihren Visionen und ihrer Einzigartigkeit. Heute werden viele dieser SĂ€ulen durch die kĂŒnstliche Intelligenz neu definiert. Dabei wirkt die KI durch Rekombination anstatt durch abrupte VerĂ€nderungen â sie gestaltet das bereits Bestehende neu. Generative Tools beschleunigen und komprimieren etablierte Phasen des kreativen Prozesses â Recherche, Referenzsammlung, Synthese und Ăbersetzung â und verĂ€ndern damit grundlegend den Fluss des kreativen Denkens.
Das Hauptrisiko liegt in der visuellen Homogenisierung: einer Ăberproduktion von Bildern, gepaart mit einer begrenzten kritischen Auswahl. Die kreative Leitung verlagert sich dabei weiter nach oben im Prozess, wobei Briefings, die Festlegung von EinschrĂ€nkungen und das gesamtheitliche Systemdesign zu zentralen Handlungen einer starken Urheberschaft werden. Was wĂ€re nun, wenn die KreativitĂ€t in ihrer einnehmendsten Form genau an den RĂ€ndern entstehen wĂŒrde â durch Fehler, Widerstand und Unvorhersehbares?
DER FALL VALEXTRA
Rita Laino, Global Human Resources Director, erlĂ€uterte, wie Valextra kĂŒnstliche Intelligenz als Ressource einsetzt, die der Markenkultur dient, anstatt sie zu dominieren. KI wird dadurch zu einem Werkzeug der VerstĂ€rkung, das ein kontrolliertes Experimentieren ermöglicht und nachhaltigere kreative Prozesse unterstĂŒtzt. Hier geht es bei Innovation nicht darum, die Sprache einer Marke zu ersetzen. Vielmehr sollen ihre Möglichkeiten erweitert werden.
Dialoge zwischen Mensch und Maschine
Das zweite Panel beschĂ€ftigte sich mit dem Wandel der Beziehung zwischen Menschen, intelligenten Materialien und neuen Technologien. Zu den RednerInnen zĂ€hlten Alessia Moltani, IM-Dozentin und GrĂŒnderin von ComfTech, Carolina Guajana, Fashion Business Programme Leader, und Alessandro Castiglioni, Deputy Director & Senior Curator am MA*GA Museum und IM-Milano-Dozent. Moderiert wurde das Panel von Simona Ironico, PhD, IM Fashion Business Programme Leader, und Carlotta Sadino, IM Creative Masters Programme Leader.
Kleidung wird neu erfunden â nicht nur als etwas, das wir tragen, sondern als interaktive Plattform, die Daten ĂŒber ihre TrĂ€gerInnen sammelt, Signale interpretiert und eine dynamische Beziehung zwischen dem Körper und seiner Umgebung ermöglicht. Fortschritte in der Wearable-Technologie und bei intelligenten Textilien zeigen bereits auf, wie Stoffe, in die Sensoren, reaktionsfĂ€hige Systeme und kĂŒnstliche Intelligenz integriert sind, verĂ€ndern können, wie wir ĂŒber Design nachdenken.
Das ist nicht nur eine technologische Innovation, sondern signalisiert vielmehr ein neues Paradigma in der Beziehung zwischen Menschen und Produkten. Intelligente Textilien können mit ihrer Umgebung interagieren und sich an sie anpassen. Dadurch steigt auch unsere LebensqualitÀt als Menschen.
DarĂŒber hinaus sprachen die ReferentInnen darĂŒber, wie sich mit der KI die IdentitĂ€t einer Marke bewahren lĂ€sst, ohne sie dabei an die Vergangenheit zu ketten. Die Landschaft ist von stĂ€ndigen VerĂ€nderungen bei der kĂŒnstlerischen Leitung geprĂ€gt: Vor diesem Hintergrund könnte die kĂŒnstliche Intelligenz zu einem Werkzeug fĂŒr mehr KontinuitĂ€t werden, mit dem sich das symbolische Erbe einer Marke bewahren lĂ€sst, wĂ€hrend gleichzeitig mehr Wachstum und eine gröĂere AnpassungsfĂ€higkeit möglich werden.
DER FALL RAMYâą
Eine B2B-Plattform unterstĂŒtzt Modemarken mithilfe von Daten und der KI beim Umgang mit ihrem kreativen Erbe und der Nachfolgeplanung fĂŒr ihre kĂŒnstlerische Leitung. Als âdigitaler Zwillingâ des Erbes der jeweiligen Marke erfasst und operationalisiert sie die symbolischen, emotionalen und stilistischen Aspekte der entsprechenden MarkenidentitĂ€t. Anstatt die menschliche KreativitĂ€t zu ersetzen, eröffnet die KI einen strategischen Rahmen, der bei Innovationen unterstĂŒtzt, ohne dabei die IdentitĂ€t einer Marke zu verwischen.
Kreative Disruption und Aufmerksamkeitsökonomie
Das dritte Panel befasste sich mit dem zunehmend zentralen Thema der Kundenbindung in einer Welt, die von endlosen Inhalten, Bildern und Reizen ĂŒbersĂ€ttigt wird. Zu den TeilnehmerInnen an der Diskussion zĂ€hlten Carlos Gago Rodriguez, IM-Dozent, akademischer Forscher, Art Director und ModeeinkĂ€ufer, Daniele DâOrazi, IM-Dozentin und Master Fashion Omnichannel & E-Commerce Scientific Coordinator, sowie Astrid DaprĂ , IM-Dozentin, Global Luxury & Fashion Executive (mit Erfahrung bei Balenciaga, Saint Laurent, Prada und Armani), Beraterin und Katalysatorin. Moderiert wurde das Panel von Simona Ironico, PhD und Fashion Business Programme Leader.
Die gröĂte Herausforderung besteht heute nicht mehr in der Produktion von mehr, sondern von sinnvollerem Content. Die kĂŒnstliche Intelligenz kann einen Stil reproduzieren, Prozesse beschleunigen und die Produktion skalieren. Eine Vision â eine individuelle Sichtweise â kann sie jedoch nicht eigenstĂ€ndig generieren.
Manche KĂŒnstlerInnen setzen bewusst Maschinen ein, die sie zuvor verĂ€ndert, sabotiert oder bei denen sie Fehlfunktionen ausgelöst haben, um die Machtstrukturen hinter diesen Technologien in Frage zu stellen. Darin lag vielleicht eine der eindrucksvollsten Erkenntnisse des Symposiums: In einem zunehmend automatisierten Kontext liegt der wahre menschliche Mehrwert in der Absicht hinter den Inhalten.
Neue Generationen suchen nach IdentitĂ€t und nicht nur nach Produkten. Marken, die sich ausschlieĂlich auf die Leistung ihrer Produkte konzentrieren, laufen Gefahr, dass sie mit diesem Ansatz Inhalte generieren, denen es an Substanz fehlt. Heute ist Storytelling mehr als ein bloĂes Marketinginstrument, sondern vielmehr ein Ausdruck von Werten, einem starken Bewusstsein und einer ethischen Positionierung.
Wenn die Technologie Inhalte stÀrken und Prozesse beschleunigen kann, bleibt eine grundlegende Frage: Welche Geschichten wollen wir wirklich erzÀhlen?



